Unsterblichkeit und lange Jugend: Science-Fiction oder greifbare Realität?
Der Traum von ewiger Jugend fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden. Früher jagten ihm Alchemisten hinterher, heute sind es Biologen, Ingenieure und IT-Spezialisten. Statt Elixieren kommen nun 3D-Drucker, Gentechnik und Nanomedizin zum Einsatz.
Der Futurist Ray Kurzweil entwirft ein optimistisches Zukunftsbild: Schon in zwanzig Jahren, so seine These, könnten wir das Gehirn fast vollständig „auslesen“ und das Bewusstsein teilweise kopieren. Organe würden auf 3D-Druckern entstehen und wie Ersatzteile ausgetauscht. Bis 2043, prognostiziert er, könnte der Mensch zu einem „Cyborg“ mit verbesserten Eigenschaften werden.
Doch wie realistisch sind solche Visionen? Und was kann die Wissenschaft tatsächlich leisten im Rennen um ein längeres Leben?
Antioxidantien: Schutzschild für Zellen oder nur ein Mythos?
Eine der Ursachen des Alterns sind sogenannte freie Radikale – aggressive Sauerstoffmoleküle, die Zellen schädigen. Der Körper bekämpft sie mit Antioxidantien – eigenen oder aus der Nahrung.
Das russische Biotech-Unternehmen Mitotech meint: Entscheidend ist, Antioxidantien gezielt in die „Kraftwerke“ der Zellen, die Mitochondrien, zu bringen. Dafür wurde der Wirkstoff SkQ1 entwickelt, der laut Forschern um ein Vielfaches wirksamer ist als frühere Ansätze.
„Dieser Ansatz könnte die Jugendphase verlängern und altersbedingte Krankheiten hinauszögern“, sagt Mitotech-CEO Maxim Skulatschow.
SkQ1 wird bereits als Augentropfen gegen das Trockene-Augen-Syndrom eingesetzt, und das Gesundheitsministerium hat kürzlich seine Wirksamkeit bei Katarakt bestätigt. Geplant ist auch eine Trinklösung: Wenn klinische Tests erfolgreich sind, könnte sie in wenigen Jahren in Apotheken erscheinen – zunächst gegen bestimmte Alterskrankheiten, darunter neurodegenerative Prozesse. Und vielleicht bringt sie auch kosmetische Vorteile: Bei Versuchsmäusen blieben Fellfarbe und Dichte im Alter weitgehend erhalten.
Bewusstsein hochladen: Science-Fiction auf dem Prüfstand
Die Vorstellung, ein menschliches Bewusstsein in einen Computer zu übertragen, klingt spektakulär – Neurophysiologen bleiben skeptisch.
„Psyche und Bewusstsein sind kein Datensatz“, erklärt Alexander Kaplan, Professor an der Lomonossow-Universität. „Es ist ein unvorstellbar komplexes Netzwerk, in dem jede neuronale Verbindung Dutzende Zustände annehmen kann.“
Selbst wenn man die exakte Struktur eines Gehirns abbilden könnte – niemand weiß, nach welchen Algorithmen man Billionen von Synapsen in Echtzeit steuern müsste. Diese entstehen über Jahre durch Erfahrungen, Emotionen, soziale Bindungen. Sie exakt zu reproduzieren, ist noch schwieriger, als alle Teilchenbahnen im Universum zu berechnen.
KI kann heute vieles – Gesichter erkennen, Sprachen übersetzen, mathematische Probleme lösen – aber, so Kaplan: „Eine Maschine wird nie ein Mensch sein. Ihr fehlen biologische Bedürfnisse, echte Emotionen und das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit.“
Genetik: Lässt sich das Altern umschreiben?
Genetiker suchen seit Jahren nach den „Schaltern“ des Alterns.
„Fast das gesamte Genom beeinflusst diesen Prozess“, sagt Jelena Pasjukowa, Leiterin eines Labors für genomische Variabilität. „Es gibt kein einzelnes ‚Alterungsgen‘ und kein festes ‚Programm‘.“
Theoretisch ließen sich Funktionen des Genoms verändern – über epigenetische Steuerung oder gezieltes Editieren. Aber, so Pasjukowa, der menschliche Organismus ist ein extrem vernetztes System. Jede Änderung kann unvorhersehbare Folgen haben. Bevor wir Gene „neu schreiben“, müssen wir die Konsequenzen genau verstehen – und dazu fehlt der Wissenschaft noch einiges.
Bioprinting: Organe auf Bestellung
Mit 3D-Druck kam die Hoffnung auf, eines Tages komplette Organe zu „drucken“. Zwei Ansätze sind verbreitet:
- Materialbasiert – ein Gerüst wird gedruckt und später mit Zellen besiedelt, die es durch körpereigenes Gewebe ersetzen.
- Zellbasiert – sogenannte Sphäroide aus lebenden Zellen werden wie Lego-Bausteine zu Strukturen zusammengesetzt und wachsen zusammen.
„Das größte Problem ist Sauerstoff“, erklärt Grigori Armeev von der Lomonossow-Universität. „In dickerem Gewebe reicht die passive Diffusion nicht aus, und Zellen sterben ab, bevor sich ein Gefäßsystem bildet.“
Deshalb eignet sich die Technik derzeit vor allem für dünne Gewebe wie Haut. Über funktionsfähige Organe wird seit Jahren gesprochen – doch der Durchbruch liegt wohl noch 10–20 Jahre plus langwierige Studien entfernt.
Fazit
Jugend und Leistungsfähigkeit deutlich zu verlängern, ist heute keine Fantasie mehr. Therapien sind in Sicht, die unser „gesundes Leben“ spürbar erweitern könnten.
Unsterblichkeit hingegen bleibt vorerst unerreichbar. Selbst wenn wir Organe austauschen könnten wie Ersatzteile, bliebe das menschliche Bewusstsein mit seinen Gefühlen, Erfahrungen und seiner Zerbrechlichkeit einzigartig – vielleicht gerade darin liegt sein Wert.
