SYMMETRIE
„Einst träumte Zhuangzi, er sei ein Schmetterling, ein fröhlich flatternder Falter. Er genoss es aus vollem Herzen und wusste nicht, dass er Zhuangzi war. Dann erwachte er und staunte, Zhuangzi zu sein. Doch was war es nun: Träumte Zhuangzi, er sei ein Schmetterling – oder träumt der Schmetterling, er sei Zhuangzi?“
Aus dem Traktat „Zhuangzi“.
Teil eins. Spiegelbild
Kapitel eins
Moskauer Umland. Villa Polesski
Marta war bereits in der zweiten Woche bei Polesski zu Gast. Wer hätte gedacht, dass er sie so lange bei sich behalten würde. Pawel war ein verschlossener Mann: Er zog klare Grenzen und ließ andere nur so weit in seine Welt, wie er es für richtig hielt. Marta konnte warten, drängte nicht, verlangte nichts. Es sah ganz so aus, als käme Bewegung in das Eis.
Ein Oligarch ist wie ein Raubtier der Savanne: an der Spitze der Nahrungskette, nicht zu zähmen, eigenwillig. Marta liebte das große Spiel; die Risiken spornten sie nur an. Viel hatte sie schon erreicht – stehenbleiben wollte sie nicht.
Nach gängiger Definition konnte man sie eine „Unterhaltene“ nennen. Ein reicher Mann beschenkte sie, sie lebte im Überfluss und musste sich nicht um morgen sorgen. Glück war das kaum. Die größte Leerstelle blieb offen: Sie wollte wirklich geliebt werden – und nie wieder so vor die Tür gesetzt werden wie einst von ihrer Mutter.
Nach langem Regen brach endlich die Sonne durch, brannte mit voller Kraft und wollte drei Wochen Juni-Schmuddelwetter wettmachen. Beste Zeit, am Pool zu liegen. Die Zofe brachte Cocktail oder Erdbeeren, kaum dass man ihrer dachte – und verschwand bis zur nächsten Bitte.
Marta schwamm nackt. Niemand vom Personal wagte, ihre Einsamkeit zu stören. Hinter ihr platschte es; sie drehte sich um und spürte eine Berührung. Polesski drückte sein Gesicht an ihren Bauch, ließ Luftblasen aufsteigen, tauchte auf, lächelte mit den Augen, zog Marta zu sich und hob sie an den Hüften. Sie schlang die Beine um seinen Torso und bedeckte sein nasses Gesicht mit Küssen.
Nach dem Sex bettete Pawel den Kopf an Martas Brust. Da war es – das seltene Moment der Schwäche. Jetzt war dieser Mann anders: nicht der, der alles und jeden kontrollierte, nicht kühl und unnahbar. Fast wirkte er verletzlich, bedürftig nach echter Wärme. Zumindest wollte sie es so glauben.
„Ich hol’ Champagner“, schnurrte Marta, glitt von seinem Körper.
Die Kurven spielend, stieg sie aus dem Pool und fing seinen gierigen Blick auf.
„Sexbombe!“, rief Pascha – immer noch ganz auf ihrer Wellenlänge.
Ein Anruf zerschnitt die Idylle.
„Gehst du ran?“, bat Pawel.
„Ja… guten Tag. Hier spricht Marta Woronzowa.“ – Sie hörte zu und wandte sich an Polesski: „Borisow. Er und die PR-Frau sind früher da. Sollen sie warten?“
„Sollen durchkommen“, sagte er und tauchte zur Treppe hinab.
Von außen wirkte Polesskis Anwesen eher wie ein stylisches Einkaufszentrum als wie der Palast eines Prinzen: weiße Kuben, schlicht verschachtelt; das Obergeschoss schob sich über das untere und bildete ein Vordach. Eine Glasfront wie Schaufenster. Die Terrasse – hell, mit farbigen Poufs und Sofas. Dichte Lavendelbündel in Stoffkörben verströmten herben, dicken Duft. Ein Sommer aus Kindertagen. „Wie Gelee, das man löffelt“, sagte die Mutter früher. „Oder mit der Gabel“, scherzte Marta.
Hier erwartete Polesski seine Besucher; Marta genoss in sorgloser Stimmung ein Eis. Ein bunter Sommerfrock schmiegte sich an und kühlte die Haut. Sie fühlte sich begehrt, ihr Prinz geizte nicht mehr mit Aufmerksamkeit; als läge ein feiner Schleier aus Pheromonen über allem.
Von der Parkbucht her kamen ein Mann und eine Frau. Der Mann, Ende vierzig, füllig, mit Geheimratsecken, im teuren Anzug. „Manager, Agent oder Kuppler“, dachte Marta. Es fehlten ihm Glanz und Souveränität. Die etwa Dreißigjährige dagegen strahlte Ruhe und Autorität aus – im Blick, in der sportlichen Haltung. Ein pfirsichfarbener, enger Anzug hob die dunklere Haut hervor.
„Grüße, Pawel Markowitsch!“ Der Mann schüttelte devot lächelnd die Hand. „Hoffentlich stören wir nicht?“
„Alles gut. Ich habe gerade über Tschegodaev gelesen; da gibt’s einiges zu besprechen“, sagte Pascha.
„Das ist Snežana“, stellte der Mann vor. „Top-Expertin für PR. Sie hat Goldmans Kampagne zur Rechtmäßigkeit des Grundstücksdeals fürs neue Terminal gefahren.“
Snežana reichte die Hand.
„Der Flughafenskandal?“, fragte Pawel.
„Mussten mit dem Verkehrsminister ringen“, lächelte sie.
„War in aller Munde.“ Pawel schob einen Stuhl heran. „Bitte.“
Borisow küsste Marta zeremoniell die Hand. Sie presste ein Lächeln heraus, obwohl ihr nicht danach war. Die Lage hatte sich gedreht: Pawel schaute interessiert zu Snežana; Marta kannte diesen Blick. Der Zauber des Morgens verflog.
„Ich habe mir den Background des Kandidaten angesehen“, begann die PR-Frau. „Nicht schlecht; seine eigene Reichweite in den Netzen gefällt. Aber das Chaos im Privatleben ist die Achillesferse. Sobolew wird genau dort schlagen.“
„Ruslan Tschegodaev?“, warf Marta ein. Sie wollte auf Augenhöhe mitreden. „Davon habe ich auch gehört.“
Snežana nickte, gönnerhaft.
„Schatz, geh doch zur Massage. Xuan wollte heute früher weg“, sagte Polesski mild, aber unumstößlich.
Das hieß: Martas Rolle war ausgespielt.
„Kommst du nach?“ – „Sobald wir fertig sind.“
„Einen schönen Tag“, sagte Marta gezwungen zu den Gästen.
Kapitel zwei
Moskau. Edelrestaurant „Quantum“
Der Kellner brachte mit Tuch am Unterarm den Champagner in den VIP-Raum. Die Clique war beisammen: Marta, Krisa, Robert, Max.
Model Krisa Dolina saß in Minirock und metallischem Top leicht vom Tisch abgerückt, die Beine professionell in Szene gesetzt. Weizenblondes Haar zum Pferdeschwanz, unnatürlich glänzend – überpflegt. Sie war kurz aus Paris eingeflogen, um eine Top-News zu streuen: Nicolas Fabés Modehaus wollte sie zum Gesicht der Herbstkollektion machen.
Krisa – Stammgast jeder Party, mondäne Löwin. In einer Woche hatte sie alle Hotspots abgeklappert, Klatsch gesammelt und wie immer mit Kennerschaft geschossen.
Ohne Rücksicht auf die Männer – und schon gar nicht auf Martas Gefühle – legte sie los:
„Alle waren da. Und dein Polesski mit neuer Tussi. Dunkel, Kurzhaarschnitt.“
Marta wurde heiß. Die Freundin hatte sie bereits in die Reihe der „Ex-Tussis“ gestellt. Krisa meinte es nicht böse; sie nahm die Welt schlicht geradeaus: Ein Mann – also hat er eine Tussi. Wunder, dass sie so in der Modewelt überlebte.
„Das ist seine Partnerin. Die machen eine Wahlkampagne in Kasan“, antwortete Marta trocken.
„Ich sag dir später, was das für eine Partnerin ist. So vertrauensselig…“
Die Sokolows kamen herein. Oleg in Jeans und Sneakers: Start-up-Look. Seine Frau – ebenso unauffällig. Und doch zog mit ihnen eine häusliche Wärme ein. Olegs geflügeltes Wort: „Was sagt Dasha?“ – er brauchte ständig ihr Plazet. Neben der rockigen Krisa und der sinnlichen Marta wirkte Dasha wie ein Mäuschen: mittelgroß, wohlproportioniert, unspektakulär – doch das Gesicht fesselte: markante, aufschwingende Brauen, schön geformte Lippen. Solche liebt die Kamera.
„Hallo zusammen!“ Sie lächelte offen – deshalb mochte sie jeder.
„Daaashenka, Hasi, wie lang schon!“, kreischte Krisa. „Komm öfter ins graue Moskau!“
In der Tür erschien ein sonnengebrannter Brünetter mit dichter Stoppelfrisur und Bizeps, der unter dem Designer-Shirt spielte. Auf dem Print lugte aus neonfarbenen Schnörkeln ein grünes Viech hervor, kaninchenähnlich, mit glubschigen Augen. Dima Spitschkin!
Krisa warf sich ihm um den Hals.
„Hinreißend! Umwerfend! Meine Schöne!“ Er bedeckte sie mit Küssen.
„Oh – und Marta! Doppelte Überraschung! Freut mich, Kleines. Wie geht’s Paschka?“
Marta zuckte die Schultern. „Schon wieder schwer beschäftigt.“
„Nicht traurig sein, Baby. Oligarchen sind halt so.“
„Und – was macht der Schamane?“ Krisa reichte ihm einen dampfenden Cocktail.
„Lebt, betet. Zahnlos, allerdings“, begann er.
„Warst du wirklich in Arizona?“, fragte Oleg.
„In der Prärie. Wollte ich schon lange.“
„Du bist ein freier Mensch. Ich kann keine Sekunde weg, sonst bricht alles zusammen.“
„Und – was hat er dir gesagt?“, drängte Krisa.
„Nichts Konkretes. Er meinte: ‚Du wirst selbst sehen‘ – und ließ mich paffen.“
„Gras?“
„Irgendwas Spezielles, arizonisch.“
„Hat’s gekickt?“
„Hallus. Als nähme ich an einem Experiment teil.“
„Also hast du bekommen, was du wolltest?“
„Ein bisschen.“
„Dima, erzähl!“, fuhr Marta hoch. Spitschkin konnte Spannung bauen.
„Erzählen – und zeigen“, sagte Dima, ließ eine Pause. Stille. „Ich hab was mitgehen lassen. Feines Zeug.“
„Aaaaah!“ kreischte Krisa.
Spitschkin zog zwei Tütchen mit Kräutern aus der Tasche.
„Na los, bedient euch.“
Der Raum füllte sich mit dem Dunst selbstgedrehter Zigaretten. Marta zog widerwillig, doch bald entspannten sich die Züge; noch zwei Züge – die Dinge verschwammen, alles geriet ins Rotieren. Bleierne Lider sanken, Muskeln ließen los, der Kiefer fiel. Der Körper wurde zum Sack Biomasse, der in den Sessel floss.
Marta schoss wie ein Staubkorn durch einen Raum-Zeit-Kanal. Steuern konnte sie nichts; sie sah nur zu, wie Ströme anderer winziger Einheiten an ihr vorbeifegten.
„Ich bin ein Teilchen, ein Teilchen im Strom. Wie ein Molekül im Wasserstrahl, oder ein Atom in der Sonnenplasma – wie heißen die? Elementarteilchen. Was, wenn ich ein Photon bin? Wie soll ich mich dann steuern? Ich hab Angst“, dachte sie. Das pixelige Bild unzähliger Partikel fügte sich zu einer Gestalt, in der ein menschliches Antlitz aufschimmerte. „Gleich sehe ich Gott“, dachte sie, strengte den Blick an, um die Kulmination nicht zu verpassen. Etwas Großes, Helles rückte nah. Zum ersten Mal nagte das Gefühl, sich selbst zu verlieren, sich nicht mehr fassen, nicht mehr steuern zu können. Als die Form Konturen gewann, wachte sie auf – mitten unter Freunden, die aus ihren Visionen auftauchten.
Dima reichte ein Glas Champagner.
„Na?“ – „Seltsam.“
„Kommt verzögert. Du merkst es noch“, grinste er.
Krisa schlug die Augen auf; das Gesicht schmaler, die Wangenknochen schärfer, die Haut blasser.
„Kristinchen ist zurück. Mädels, ich spring kurz raus, telefonieren“, sagte Spitschkin und verschwand.
„Ich kapiere das Zeug nicht. Reiner Druck“, Oleg schüttelte den Kopf und trank Wasser.
„Mich zieht’s runter“, sagte das Model und kippte Champagner.
Allen war beklommen.
„Wo bleibt Dimon?“, fragte Max Kusnezow.
„Telefonieren. Er meinte, da kommt noch was nach“, sagte Marta. Ihr wurde flau; die Luft schien knapp. Sie stand auf, ging zur Tür.
„Ich komm mit“, sagte Krisa, griff den Schlangenleder-Clutch und folgte.
Draußen hielt Krisa keine elegante Clutch, sondern eine grobe Kunstledertasche. Über der Tür stand nicht „Quantum“, sondern „Bei Petrowna“. Keine gleißenden Lichter der Metropole, nur ein paar müde Laternen über einer gottverlassenen Gasse. Andere Gerüche stiegen in die Nase: Grün statt Smog, ein Hauch schalen Schaschliks, kaum merkliche Ausdünstung vergorenen Urins.
Krisa sah anders aus: Kein Glamour. In einem formlosen Fummel glich sie einer Schulbibliothekarin – oder einer Kirchensängerin.
„Oooo… geht’s los?“, starrte Marta herum.
Ihr Blick blieb an der erstarrten Krisa hängen.
„Hihi“, der Schreck kippte ins hysterische Kichern.
„Hast du dich gesehen? Wo hast du dieses Zelt ausgegraben?“
„Und du siehst aus wie vom Straßenstrich an der Minsker Chaussee!“
Ein knallpinken Minikleid schnürte ihren Körper ein und raubte den Atem – eine Farbe, die Marta hasste.
Die Jungs kamen heraus. Oleg hatte zehn Jahre drauf, sah versoffen aus: dreistufige Tränensäcke, tiefe Furchen. Dasha wirkte krank und gequält. Max – wie ein Bauarbeiter. Robert – kein Society-Löwe, sondern ein ganz normaler Kerl in Billigklamotten. Ein dämlich aufgedrehter Schnurrbart gab ihm etwas von Hercule Poirot.
So verzerrte Gesichter ihrer Freunde hatte Marta noch nie gesehen. Das flackernde „Bei Petrowna“-Schild tauchte die ratlosen Mienen in grünliche Flecken – wie das Viech von Dimas Shirt mit den glubschigen Augen. Krisa ließ ein Donnerlachen los.
„Sieht so aus, als hätt’s angefangen, Jungs“, sagte Max benommen.
Zu beiden Seiten: zweistöckige Häuschen mit abblätterndem Putz. „Die haben die deutschen Kriegsgefangenen gebaut“, flüsterte es in Martas Kopf. Aus dem Lokal dröhnte „Dym sigaret s mentolom“. Ein magerer schwarzer Kater strich ihr um die Beine.
„Khach, khach“, röchelte es. Unweit vom Laden „Berjoska“ hockte ein Obdachloser am Boden, angelehnt, Bierflasche in der Hand.
„Erweitert das Bewusstsein gewaltig. So viel Kolorit hab ich lange nicht gesehen“, Olegs Brauen schossen hoch und wollten nicht zurück. Verblüfft drehte er den Kopf.
„Haben wir alle den gleichen Trip? Oder seid ihr alle in meinem?“, sagte Robert. Vom Glanz keine Spur: altmodische Hose, Hemd, Sandalen mit Socken.
„Scheißegal“, brachte Max zwischen Lachen hervor.
„Und wo ist Dimon?“, erinnerte sich Sokolow.
„Er ist raus, wir haben ihn verpasst“, sagte Marta.
„Komisch, der Ort kommt mir bekannt vor“, meinte Krisa. „Als wär ich schon hier gewesen.“
„Und mir ist, als hätte ich euch schon mal so gesehen“, sagte Marta.
„Wie – so?“ fragte Kusnezow.
„Elend…“ Marta betrachtete ihr Kleid. „Und das hab ich genau so schon gesehen. Übel.“
„Das ist wissenschaftlich unhaltbar!“, stieß Oleg heraus.
Dasha sah ihn erstaunt an.
„Oleg flucht – dann ist’s ein Trip“, meinte Max.
„Und wann hört’s auf? Ich will nicht im Sack stöckeln“, fauchte Krisa und riss sich einen rosa Chiffonschal vom Hals.
Der Penner musterte die Gruppe.
„He! Haben Sie Dima Spitschkin gesehen? Er kam eben aus dem Restaurant!“, rief Marta.
„Spitschkin? Gesehen, ja. Na und?“, rief der Säufer.
„Heilige Scheiße“, fluchte Oleg.
„Schlurf, schlurf, zock, zock“ – Absätze und Sohlen klapperten. Marta hüpfte auf hohen Stilettos über aufgerissenen Asphalt. Die Freunde liefen zum Mann.
„Wohin ist er?“, fragte Marta.
„Ich bin doch kein Auskunftsbüro“, knurrte er.
Sokolow tastete die Taschen ab. Portemonnaie? Fehlanzeige. Nur ein Loch und ein zerknitterter Fünfziger – den hielt er dem Mann hin. Der verstaute ihn sofort.
„Dima ist nicht aus dem Restaurant gekommen. Er ist gestorben. Gestern. Überdosis. Wisst ihr das nicht?“
„Herrlich“, fluchte Max.
„Schon begraben?“, fragte Oleg.
„Logo begraben.“ Der Penner zog „Stolitschnye“ hervor und paffte genüsslich.
„Weißt du wo?“
„Nordseite vom Friedhof, bei der Müllkippe“, blies er Rauch.
„Zeigst du den Platz?“
„Macht dann hundert.“
Robert angelte Geld. „Raffzahn.“
Der Trinker stand unsicher auf und torkelte los. Aber auch die anderen schwankten – vom Ort, vom Stoff. Wie Zombies stapfte die Truppe auf der Fahrbahn, folgte den Schlangenlinien des Führers. Und irgendwie war das gar nicht so schlecht. Warmer Abend, dieser Hardcore-Kaff Schingai. So einen Quest hatte Marta noch nicht gespielt.
„Ihr wollt wirklich auf den Friedhof?!“, durchbrach Krisa den Schwung.
„Wir schauen uns Dimas Grab an. Wenn’s eh ein Trip ist – was soll’s“, sagte Oleg.
„Was bitte?!“, quietschte Krisa und blieb mit dem Absatz in einem Riss stecken.
Max fand in den ausgebeulten Jeans ein runtergerocktes Smartphone.
„Irgend ’ne Krücke. Xiaomi. Kennt das wer?“ Er hantierte im Laufen, lachte.
„Facebook spinnt. Sagt, dieses Profil gibt’s nicht.“
„Welches?“, fragte Marta und hakte sich ein; das Gehen auf Pfennigabsätzen wurde mühsam.
„Meins.“ Er öffnete die Galerie. „Verdammt. Was’n das? Katja!“
„Wer?“
„Keine Ahnung. Sieht aus wie meine Frau.“
„Du bist verheiratet?“
„Eigentlich nicht… Aber das ist Katja. Woher kenn ich die?“
„Nicht trödeln!“, bellte der Penner – ein Kommando, das sie unwillkürlich strammstehen ließ.
Die Nacht fiel, der Mond stand voll. Zwischen Blättern zeichneten sich Kreuze ab. Die ramponierte Kolonne bewegte sich über den Friedhof. Der kollektive Trip nahm kein Ende; im Gegenteil, er wurde klarer. Die sadistischen Schuhe fraßen sich in die geschwollenen Füße, Marta verlor die Balance. Sie warf die Peiniger fort – den einen rechts, den anderen links. Barfuß ging es leichter, auch fröhlicher. Ein Frösteln kroch über den Rücken. Seltsam, barfuß über Gräber zu gehen. Es war, als streckten sich von überall Hände nach ihr aus. Komischerweise hatten Tote ihr nie wirklich Angst gemacht.
Grabsteine gab es keine, nur schlichte Holzkreuze. Der Penner blieb an einem frisch aufgeworfenen Hügel stehen.
„Hier liegt euer Spitschkin. Er schuldet mir noch fünfzig. Vielleicht begleicht ihr das?“
Auf einem Holzschild stand: „Spitschkin, Dmitrij Arkadjewitsch. 1987–2021“.
„Ich schlage vor, wir graben und überzeugen uns“, sagte Oleg.
„Ihr spinnt“, rollte Krisa die Augen.
„Warum nicht. Haben doch nix zu verlieren“, meinte Max.
„Mit bloßen Händen?“ Robert runzelte die Stirn.
„Ich besorg’ Werkzeug. Kostet noch mal hundert.“
„Los. Und eine Lampe?“
„Aber sicher!“ Der Penner freute sich und rannte den Pfad hinunter.
Schaufeln gab es nicht genug; Marta hätte nur zu gern mitgeholfen – wenn schon abtauchen, dann richtig. Statt zuschauen, mitmischen. Aber barfuß… Die Männer schaufelten; die Frauen streiften umher.
Marta war in der Moskauer Szene „eine von uns“. Willkommen in reichen Häusern, eingeladen zu geschlossenen Partys. Niemand wusste, woher sie kam. Gelegentlich log sie, sie stamme aus alter Moskauer Familie. In Wahrheit kam sie aus genau so einem Provinznest, in dem sie jetzt gelandet waren. Alles roch nach Jugend: dieselben süßen Träume, derselbe säuerliche Beigeschmack von Enttäuschung, dieselbe Wut auf die Mutter. Dieselben Lädchen in alten Zweistöckern, derselbe Mief angesäuerter Milch, dieselbe stickige Enge, Schlangen, die an den Wänden entlang krochen. Und der Vergnügungspark, an dem sie vorbeikamen – genau wie früher: zugewuchert, mit kaputten Karussells, nur die Bootschaukel lief. Kein Wunder, dass ihr Unterbewusstsein ausgerechnet dieses Schingai heraufbeschwor – es schob sie dorthin zurück, woher sie geflohen war. Die Mücken stachen mit Inbrunst. Müdigkeit drückte. Zu real, um bloße Halluzination zu sein.
„Dash, Dasha! Wo seid ihr?!“, rief Oleg aus der Ferne. „Hierher!“
Im Grab lag tatsächlich ein Sarg – grob gezimmert aus ungehobelten Brettern, wie eine übergroße Gemüsekiste. Max schob das Schaufelblatt in den Spalt zwischen Deckel und Kasten und drückte. Der Deckel gab nach. Tadaa! Innen war der Sarg leer.
„Was zu beweisen war“, sagte Sokolow und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht.
