Wille gegen Schicksal: Worum geht es in der Serie „Devs“?
Im Jahr 2020 erschien auf Netflix die Science-Fiction-Serie „Devs“ von Alex Garland. Ihre zentrale Frage lautet: Hat der Mensch einen freien Willen – oder ist alles längst vorbestimmt? Um eine Antwort zu finden, lässt der Autor unterschiedliche Interpretationen der Quantenmechanik aufeinandertreffen – vom strengen Determinismus bis zur Viele-Welten-Theorie.
Vom Münzwurf zum Schicksal des Menschen
Grundlage der Serie ist die sogenannte de-Broglie-Bohm-Theorie. Sie besagt, dass es für jedes Ereignis nur einen möglichen Ausgang gibt. Wenn wir alle Anfangsbedingungen kennen würden – die Position jeder einzelnen Teilchen, ihre Geschwindigkeit und sämtliche Wechselwirkungen –, könnten wir alles berechnen, sogar welche Seite einer geworfenen Münze oben liegen wird. Nach dieser Logik ist auch unser zukünftiges Verhalten durch eine Kombination vergangener Faktoren festgelegt: Gene, Lebenserfahrungen, Biochemie des Körpers und äußere Umstände.
Der französische Mathematiker Pierre-Simon Laplace formulierte bereits im 19. Jahrhundert ein Gedankenexperiment: den „Laplaceschen Dämon“ – ein Wesen, das zu jedem Zeitpunkt alle Zustände im Universum kennt und daraus sowohl Vergangenheit als auch Zukunft berechnen kann.
Ein Quanten-Dämon im Silicon Valley
In „Devs“ erschafft der Konzern Amaya solch eine „Vorhersagemaschine“. Firmenchef Forrest ist vom strikten Determinismus überzeugt: „Unser Leben verläuft wie auf Schienen – ohne den vorgegebenen Kurs zu verlassen.“ Die streng geheime Abteilung Devs modelliert Vergangenheit und Zukunft mithilfe eines Quanten-Supercomputers. Um das Gesamtbild zu rekonstruieren, genügt es, einen kleinen Ausschnitt der Realität zu scannen – den Rest ergänzt der Computer anhand der Zusammenhänge zwischen Teilchen.
Anfangs sind die Ergebnisse unvollständig – verschwommene Bilder, verzerrter Ton. Doch der junge Spezialist Lyndon schlägt einen anderen Ansatz vor – die Viele-Welten-Interpretation von Hugh Everett. Nach ihr führt jedes Ereignis mit mehreren möglichen Ausgängen zu einer Verzweigung: Aus einer Welt entstehen mehrere parallele, in denen sich jeweils eine eigene Zukunft entwickelt. Diese Welten existieren gleichzeitig, überschneiden sich jedoch nicht mehr.
Quanten-Unsterblichkeit und parallele Jesusse
Der Computer liefert nun deutlich klarere Darstellungen – etwa die Kreuzigung Christi mit klarem aramäischem Ton. Doch man darf nicht vergessen: Dies ist nur eine von unendlich vielen möglichen Versionen. Lyndon wagt sogar ein riskantes Experiment in dem Glauben, dass er, falls er in einer Welt stirbt, in einer anderen weiterlebt – und sein Bewusstsein nur den glücklichen Ausgang „abspeichert“.
Finale: Kann man das Schicksal überlisten?
Die Protagonistin sieht auf dem Bildschirm eine Abfolge von Handlungen, die sie unausweichlich in den Tod führen soll. Als der vorhergesagte Moment eintritt, entscheidet sie sich bewusst für eine andere Handlung – und durchbricht damit die angezeigte Kette.
Aus physikalischer Sicht lässt sich das mit der Viele‑Welten‑Interpretation erklären: In entscheidenden Augenblicken teilt sich die Realität in mehrere mögliche Verläufe auf. Der Devs‑Computer zeigte nur einen dieser Verläufe – basierend auf bestimmten Annahmen darüber, wie sie handeln würde. Als sie sich anders entscheidet, „wechselt“ sie in einen anderen Verlauf, den das Modell nicht berücksichtigt hatte. Dabei verschwindet der Determinismus nicht: Innerhalb jedes einzelnen Verlaufs steht die Zukunft fest, aber welcher Verlauf tatsächlich „unser“ wird, entscheidet sich im Moment dieser Aufspaltung.
Und dennoch: Nach Ansicht des Physikers Michael Price vom Imperial College London ist selbst die Viele-Welten-Theorie deterministisch – in jeder einzelnen Welt ist die Zukunft bereits festgelegt.
Freier Wille oder Illusion?
Auch die Kopenhagener Deutung garantiert keine echte Entscheidungsfreiheit. Sie bedeutet lediglich, dass der Ausgang eines Ereignisses zufällig nach bestimmten Wahrscheinlichkeiten verteilt ist – aber nicht, dass wir ihn bewusst wählen können. Eine endgültige Antwort gibt es weder in der Physik noch in „Devs“. Doch die Frage, die die Serie dem Zuschauer am Ende hinterlässt, ist schlicht:
Glauben Sie an den freien Willen?
